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Letzter Brief eines Freiwilligen.

Lieber Freund!
Das Leben ist mir durch die Güte des Arztes aufgekündigt, ich muß leider ziehen, aber nichts würde mich so schmerzlich gekränkt haben, als wenn er mich mit guten Hoffnungen aus der Welt hinaus gesogen hätte. Er hat noch mehr Güte gegen mich, er will auch diesen Brief an dich befördern, der kein Abschied von dir werden soll, weil ich den längst von dir genommen habe, sondern mein Vermächtnis, ein Angedenken von allem dem, was ich in den letzten Stunden gedacht habe; wer verlangt von einem Angedenken, daß es viel wert sei, – wenn es nur wert gehalten wird.

Du weißt, daß auch mich eine politische Meinung den Waffen zugeführt hat; unter den Waffen aber fand ich mein Vaterland und mein Volk, das ich so lange vermisst und vergebens gesucht hatte. Nun wundere ich mich, wie ich mit meinem genügsamen Brüdern alles vergessen habe, was ich einst gedacht. Die Notdurft hat uns miteinander auch geistig in Reih und Glied gestellt, ich habe viel gelernt, ich wünsche, daß sie brauchen können, was sie von mir gelernt haben. Alles andere, warum ich mich sonst liebte, was ich als wahr und herrlich mit der Inbrunst meines Geistes geboren, mag ihnen vielleicht unverstanden bleiben, aber untergehen wird es nicht. Es klingt wieder in der ganzen Welt, auch ohne Worte, so wie ich auch mich eine Stimme von jenseits ruft, die ich nicht nennen kann.

Von dem allen sage ich auch dir kein Wort, sondern ich spreche vom nächsten Nützlichen über meine tägliche Erfahrung. Täglich sollte es gesagt werden, daß nur darum so viel Falschheit und Verkehrtheit in der Welt sei, weil die Menschen sich scheuen ihre Überzeugung wahr und frei auszusprechen; in solchen Zeiten, wie die unsern, überzeugt sich der Wahrheitsliebende recht, wie viel Unbestimmtes, Unausgemachtes, wie viel Nachgesprochenes oder bloß Gesprochenes in der Welt gilt, wie sich der ernste Mensch in den bedeutendsten Zweifeln ohne Trost und Rat ganz auf sich zurückgeworfen fühlt, und wie wenig der Einzelne sei, das fühlt sich nur lebendig im Gebet und in der Schlacht.

Darum ehre den Widerspruch höher als die Zustimmung, meide vor allem die Heimlichkeitskrämereien, besonders wo vom Geschicke der Völker die Rede. Das absichtliche Geheimnis hat nur im praktischen Leben seine Anwendung, wo aber noch so viel Undurchdringlichkeiten und Geheimnisvolles wie in Meinungen anzutreffen ist, da kann nicht laut genug darüber verhandelt werden. Wer seiner Meinung die Öffentlichkeit schädlich glaubt, der kann von ihrer inneren Verderblichkeit überzeugt sein, es muß aber an den Tag kommen, welcher Geist quält und zerstört und welcher beseligt und beseelt. – Von denen, die wir gehört haben, sind mir die Überklugen besonders verhaßt geworden, denen alles schon bestimmt und abgelaufen ist, weil sie von nichts mehr mit der frischen vielfachen Bestimmbarkeit des Lebens ergriffen werden, die in der ganzen Zeitgeschichte nur das lesen, was sie zum Beweise ihrer Voraussetzungen brauchen können, die alle unendlichen Weltgeschicke aus einer armseligen Regel herleiten möchten.

Solche Leute kamen leicht auf den Einfall das Volk bearbeiten zu wollen, nämlich, durch kleine Listen es von dem überreden und überzeugen zu wollen, was sie bequem finden zu glauben und zu tun. Zwar bleibt es gewöhnlich dabei, daß das Volk sie über die unnütze Mühe verlacht, manchmal geht es aber schlimmer ab für einen von beiden, oder für beide; daher kommt es, daß solche Leute in rascher Abwechselung ganze Völker in einem Augenblicke aufgeben, in anderem die unnützesten Wunder von ihnen erwarten.

Sie berühren sich in ihrer Willkürlichkeit mit gewissen enthusiastischen Systemmachern, die eine eigne Geschichte sich schaffen oder auch gar keine brauchen, sondern Nationen nach ihren Wünschen vorhanden glauben und über Gott zornig werden, wenn es nicht zutrifft. Diese Systematiker möchten gern ohne nähere Betrachtung alles Herrliche der einzelnen deutschen Völker einem hohlen Wortideal von Deutschland aufopfern, wie es nie vorhanden gewesen ist und wie es nie entstehen kann, da alles, was für ein Volk bestehen soll, seine zähen Wurzeln aus einer unendlichen Vergangenheit, also in sich selbst und in seiner allgemeinen Geschichte, nicht aber aus einem Menschen oder aus einem fremden nachzubildenden Musterlande treibt und ernährt.

Nur ein guter Preuße, Bayer, Österreicher u.s.w. wird auch ein guter Deutscher im höchsten Sinne des Wortes werden, jeden von diesen Völkern hat sein Gutes, aber sie gehören alle zum Heil des Ganzen, jedes mag seiner ruhmvollen Zeit wohl gedenken, aber nicht um damit gegenwärtige Schwäche zu decken, sondern daß jedes an seiner Stelle das Seine tue; wehe jedem, das nur klug ist, dem anderen die Gefahr aufzuwälzen, wehe jedem, der klug gewesen und nichts getan hat, denn er hat seine Zeit verloren. Die Zeit wird aber vor allem mächtig auftreten, nicht umsonst wird so viel von der Zeit gesprochen. Jede Tat bedarf nicht nur der rechten Stunde, sondern auch des rechten Augenblicks zu ihrer Geburt und darum steter Geistesgegenwart, diese Stunde zu ahnden, den Augenblick zu benutzen.

Freiheit von Leiden und Freuden bedarf jetzt ein Held, der alle führen soll, ein Leben im Ganzen, eine Ergebenheit in den Tod. Das alles fordert diese Zeit und diese letzte Ergebenheit ist mir allein von allem geworden, ich sterbe unberühmt, aber nicht unnütz, ich habe gelebt für das Ganze, bald lebe ich mit ihm. Gott vergißt keinen in seiner letzten Not, der des Vaterlandes Not nicht vergessen hat, – ich hätte dir noch viel zu sagen – lebe wohl, sterbe frei und willig, – ich rufe mit Gustav Adolf: Der allmächtige Gott wird nicht weniger leben, wenn ich sterbe!

Gedruckt im Preußischen Correspondenten
Nr. 114 Sonnabend, den 16. October 1813

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