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Aus einer Stadtchronik 1914-1919

stadt-chronik-1918
Eintrag 8. November 1918: Es ist alles verloren!

Man baute auf dem Kirchhofe eine Leichenhalle, man gab der Kirche eine moderne Heizungsanlage, man plante ein neues Schulhaus, eine Wasserleitung, eine direkte Bahnverbindung und anderes mehr. Und in alles Wollen fuhr dann die schwere Not!

Es brach der Weltkrieg aus, den wir hier trotz wachsender Sorgen hoffnungsreich durchlebten, bis wir am Ende durch den jähen Zusammenbruch unserer überlasteten Wehrmacht aus allen Hoffnungen gerissen wurden.

Die schaffende Kraft war im Kriege eingestellt auf Abwehr und Vernichtung des Feindes. Und was an alternden und unvollkommenen Kräften hier blieb, hatte vollauf zu tun, um diejenigen zu ernähren und zu kleiden, die das Vaterland schützten und diejenigen, welche es bewohnten. Für anderes Wollen fehlten Zeit und Kräfte.

Deutschland in trotziger Wehr gegen den brüllenden Haß der Welt!
Ein Volk gegen alle anderen des Erdballs!

Groß war die Zahl der Kriegsopfer in diesem gigantischen Ringen, groß die Zahl der Toten, die allein unsere Stadt darin verlor.

Wir gedenken ihrer in Dankbarkeit und vergessen nicht, wofür sie ihr Leben ließen. Denn da wir dem Feinde seinen Willen lassen mußten, ist über uns sein Haß und seine Gier gekommen. Wir kennen jetzt das Ungeheuer, das unsere Kämpfer von sich, von ihrem Heim und von uns allen abwenden sollten und abwenden wollten mit aller Kraft bis zum Ermatten und bis zum Tod.

Was wird nun werden?

Wir hier, weitab von den feindlichen Grenzen, merken wenig von den Sklavenketten, in denen unser Vaterland liegt. Uns drückt hauptsächlich die Teuerung, die vielen unserer Mitbürger, die sich vor dem Kriege geborgen fühlten, die bleiche Sorge ins Haus bringt. So mancher, der sich vordem als Veteran der Arbeit, nach einem Leben voll Mühe und Entsagung zur Ruhe setzte, meinend, er sei nun unabhängig von Kind, Gemeinde und Staat, muß dauernd dankend deren Hilfe annehmen, ja, er muß sie suchen, wenn er nicht im Elend zugrunde gehen will.

Und unsere Stadt, die vorher so wohlhabende? Vorläufig hat sie sich, als wäre sie nie so reich gewesen wie jetzt. Sie legte am Klosterberg einen großen Sportplatz an, sie baute an der Kleinbahnbrücke mit vielen Kosten eine große Flußbadeanstalt, sie verschönerte den Klosterberg in einer Weise, wie es den alten Knaben nie zuvor geboten ist. Hier wird getanzt, gejubelt und gefeiert, als lebten wir in der herrlichsten Zeit.

Und 1 Liter Milch kostet 170, 1 Brot 300, 1 Anzug 35.000 Mark, womit der Höhepunkt aber noch lange nicht erreicht zu sein scheint. Wie soll das enden?! –

Nun, Deutschland ist schon aus größerem Elend wieder emporgekommen, es wird auch diesmal nicht unten bleiben, und unsere Stadt mit ihm.

Die Geschichte webt ewig weiter, einmal kommt die Zeit.
Wir aber warten mit Vertrauen.

(aus der Stadtchronik einer preußischen Landgemeinde in Pommern)

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